Alltagsgeschwafel, Gedanken

Der Stich

25. April 2015

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Viel zu oft, da spürt sie es. Es kommt einfach. Einfach so aus dem Nichts. Ein Stich, sie spürt es. Es schmerzt so sehr, als wolle man ihr die Seele rauben.

Es gibt diese Momente, da vergisst sie alles um sich herum. Die kleinen Dinge machen sie glücklich. Sie lauscht dem Gesang der Vögel, genießt es. Atmet Frühlingsluft ein, die Sonne umgibt sie mit warmer Energie. Sie tankt sich auf, will alles haben. So viel wie möglich. Kraft bekommen, egal von wo.
Es ist schön zu leben, denkt sie sich. Alles kann so wunderbar sein. Du musst nur aufblicken, dich umsehen. Mach deine Augen auf, dreh dich, sei neugierig. Interessiere dich. Die Welt steht dir offen, nur ist es deine Aufgabe, dich hinein zu trauen. Mir geht es gut, sagt sie sich lächelnd.

Und dann dieser Stich. Immer dann kommt er, immer dann, wenn alles so in Ordnung scheint. Als sei er das Teufelchen auf ihrer rechten Schulter. Dir geht es also gut? fragt er. Sie antwortet nicht. Binnen in Sekunden versucht sie diese Stimme in ihrem Inneren zu vergraben. Also gut, du denkst, also du kannst mich einfach ignorieren ja? Wie du möchtest!
Sie kneift die Augen zusammen, weiß was nun kommt. Und es kommt, der Stich.
Immer dann, wenn sie denkt alles ist gut, alles wird endlich besser.

Warmer Frühlingstag. Zeit was mit einer Freundin zu machen. Sie hatten Spaß, haben gelacht und die Welt vergessen. Die Freundin hat das Herz von ihr aufgehen und endlich alles vergessen lassen. Diese Momente sind goldwert. Dann steigen sie zusammen in die Straßenbahn. Ihr wird auf Anhieb übel. Dieser Duft, dieses Parfüm. So vertraut, zu vertraut, zu schmerzhaft. Stich!
Ja du dachtest es wird ein schöner Tag mit deiner Freundin was? Sie kämpft mit sich selber, möchte einen Wagon weitergehen, will all dem entkommen. Doch dieser Stich lässt sie zu nichts mehr fähig sein.

Feierabend. Ein Freund holt sie ab. Er wollte sie sehen, wollte etwas mit ihr unternehmen. Sie quatschen im Auto über Gott und die Welt. Sie dankt ihm innerlich. Wieder Ablenkung, wieder auf andere Gedanken kommen. Bloß mehr davon!
Eine voll befahrene Straße. Feierabendverkehr. Sie blickt nach vorn, nach vorn auf die Gegenrichtung. Ein grüner BMW. Er redet, sie hört nicht mehr zu. Die Augen so starr, wie mit Scheuklappen nach vorn gerichtet. Das Auto kommt näher, sie strengt sich an und dann – der Stich. Das Herz rutscht ihr in die Hose.
Tja meine Liebe, ich bins wieder der Stich. Du dachtest wohl es wird ein lustiger Tag und du kannst dich ein wenig ablenken? Ach Süße wie naiv und dumm von dir, du kennst mich doch mh.

Wie geht es dir eigentlich Maus? fragt ihre Freundin. Ach sehr gut, es geht endlich Bergauf! Muss ja auch, ich bin stark das weißt du doch.
Sie scrollt durch ihr Instagram. Scrollt und scrollt. Langweilig, nicht viel Interessantes zu sehen. Und dann plötzlich ein Post seiner Cousine. Er mit ihr auf einem Foto. Sie lächeln, er ist glücklich. Ihr Magen dreht sich hundert mal und dann – der Stich.
Jaja, wieso belügst du eigentlich deine Freunde, magst du mir das mal verraten? Dir geht es also gut, wie lächerlich. Aber was solls, hast ja gerade deine Strafe bekommen.

Die Welt scheint so viel zu geben und doch fühlt sie sich leer. Immer dann, wenn doch alles wieder besser zu werden scheint, da meldet er sich zu Wort. Dieser Stich. Und sie hasst ihn, wirklich abgöttisch hasst sie ihn.
Sie wünschte, er würde verschwinden. Für immer. Aber hey, wenn nicht er sie an die Wahrheit erinnert, wer denn dann?
Der Stich, der schlimmste und doch ehrlichste Feind, den ein Mensch haben kann.

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3 Comments

  • Reply Aline K 5. Mai 2015 at 16:26

    Hach – wunderbar geschrieben 🙂

    Viele Grüße Aline
    fashionzauber.com

  • Reply Jana 27. April 2015 at 9:48

    Schöner Text 🙂

    Liebste Grüße
    Jana von bezauberndenana.de

    Auf meinem Blog gibt es gerade eine elektrische Gesichtsreinigungsbürste zu gewinnen!

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